Wie geht es weiter mit der Digitalen Bildung?

Informatik, Programmieren, Medienkompetenz: Die Digitale Bildung umfasst viele Bereiche. Aber welche Fähigkeiten sind wirklich entscheidend? Im zweiten Teil unserer Reihe zur Digitalen Bildung betrachten wir den aktuellen Diskurs.

Deutschland liegt im internationalen Vergleich bei der Digitalen Bildung gerade einmal im Mittelfeld. Viele Experten fordern daher ein Umdenken im Bildungssystem, aber bei der konkreten Umsetzung gehen die Meinungen auseinander. Die einen möchten einen verpflichtenden Informatikunterricht einführen, die anderen Programmieren schon als Grundschulfach etablieren. Es gibt aber auch Stimmen, die der Digitalisierung an Schulen deutlich kritisch gegenüberstehen.

Wie wir schon im ersten Teil unserer kleinen Serie gesehen haben, fehlt es derzeit vorrangig an einer einheitlichen Strategie sowie den konkreten Unterrichtsinhalten. Woran liegt das? Zum einen ist Bildungspolitik nach wie vor Ländersache, was eine einheitliche Umsetzung einer digitalen Bildungsstrategie erschwert. Das ist auch der Grund, warum sich die IT-Ausstattung an deutschen Schulen sowie die Unterrichtsangebote in den einzelnen Bundesländern sehr stark unterscheiden. Zum anderen fehlt es an ausgebildeten IT-Fachkräften, besonders im Lehramt. Sie sind jedoch dringend notwendig.

Die Digitale Strategie 2025 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) sieht vor, dass ab dem Jahr 2025 alle Schulabgänger über Grundkenntnisse in Informatik, zur Funktionsweise von Algorithmen und im Programmieren verfügen. Dafür müssten entsprechende Pflichtbestandteile der Lehrpläne und bei der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte geschaffen werden. Wie lässt sich das umsetzen?

Digitalisierung ja – aber ab welchem Alter?

Um mehr Jugendliche für die IT-Ausbildung zu begeistern, fordert unter anderem Peter Liggesmeyer von der Gesellschaft für Informatik (GI), bereits in der Grundschule einen Informatikunterricht einzuführen. „Nur wenn Kinder frühzeitig mit der Informationstechnik – möglichst auf spielerische Weise – in Berührung kommen, kann in den Jugendlichen der Wunsch reifen, eine entsprechende Ausbildung zu beginnen. Darauf müssen wir gemeinsam hinarbeiten“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Programmierkenntnisse seien demnach unverzichtbar für den späteren digitalen Berufsalltag. Das BMWi schätzt den Bedarf an Datenexperten in Deutschland bis 2025 auf 3,5 Millionen. Die fehlenden IT-Fachkräfte können wir nur gewinnen, wenn sich mehr Jugendliche für eine Ausbildung oder ein Studium im IT-Bereich entscheiden. Deswegen sollten bereits Kinder spielerisch in die Welt der Codes und Algorithmen herangeführt werden. Es gibt mittlerweile eine große Bandbreite an Angeboten, die speziell auf verschiedene Altersgruppen zugeschnitten sind.

Doch gerade bei den Jüngsten wird der Einsatz digitaler Medien sehr kritisch gesehen. Denn Kinder würden die Geräte nicht für Lernprozesse nutzen, sondern lediglich als Unterhaltungsmedium. Diese Meinung vertritt zumindest Gerald Lembke, Professor für Digitale Medien in Mannheim. „Ich bin der Überzeugung, dass digitale Hilfsmittel in der Bildung bis zum zwölften Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte erbringen“, sagte er in einem Interview gegenüber der SZ. Grundschulkinder seien noch nicht in der Lage, den Fokus auf den Bildungsaspekt im Umgang mit den Geräten zu richten. Sie würden kontextfrei und demnach nicht zielgerichtet verwendet werden.

Dennoch räumt Lembke ein, dass Medienkompetenz eine zentrale Rolle spielt, die zuerst von den Eltern und später auch in der Schule vermittelt werden muss. Es geht es also nicht mehr um die Frage, ob digitale Bildung auf den Lehrplänen stehen soll, sondern ab welchem Alter und in welchem Kontext.

Bessere Vorbereitung auf das Berufsleben

In einer Erklärung formulierte die Gesellschaft für Informatik mehrere Kernforderungen für die Digitale Bildung. Darin heißt es unter anderem, dass ein eigenständiger Lernbereich eingerichtet werden müsse, in dem die Aneignung der grundlegenden Konzepte und Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen vernetzten Welt ermöglicht werden. Es lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, worin diese Kompetenzen genau bestehen. Sollen Jugendliche als ausgebildete Informatiker die Schule verlassen oder geht es um ein rein oberflächliches Verständnis der digitalen Welt?

Bundeskanzlerin Merkel betonte in ihrer Rede zur Deutsch-Französischen Digitalkonferenz, dass Kinder eine entsprechende Bildung brauchen, um in der digitalen Welt zurechtzukommen:

„Ich denke, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten junger Menschen neben Lesen, Schreiben, Rechnen wird.“

– Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Gleichzeitig räumte Merkel allerdings auch ein, dass die Bundesebene eigentlich keine Möglichkeit hätte, in das Schulwesen einzugreifen.

Gegen einen verpflichtenden Programmierunterricht spricht sich Spiegel-Kolumnist und Digital-Vorreiter Sascha Lobo aus: „Die Kenntnis einer Programmiersprache steht als Pars pro Toto für die Hoffnung, unsere Kinder mögen die gewaltige Gesellschaftsaufgabe Digitalisierung doch besser meistern als wir.“ Er hält das Schulfach Programmieren für eine Wunschlösung, die aber an den eigentlichen Herausforderungen der digitalen Welt vorbeigeht. Er favorisiert die Einführung eines Wahlfachs für interessierte Schüler. Das Beherrschen von Programmiersprachen würde keineswegs zu einem Verständnis der Welt führen.

„’Programmieren steht als Symbol dafür, mit den Herausforderungen der digitalen Welt besser zurechtzukommen.“

– Sascha Lobo, Autor „Internet und Markenkommunikation“

Im Sinne der Didaktik und Pädagogik

Informationen sind inzwischen jederzeit und von jedem Ort aus abrufbar. Wissen wird dadurch in gewisser Hinsicht obsolet. Diese Angst äußern auch einige Gegner der Digitalisierung an Schulen: Wozu Geschichte lernen, wenn der Wikipedia-Artikel per Smartphone erreichbar ist? Wer braucht schon Fremdsprachen, wenn es Übersetzungsprogramme gibt? Fragen wie diese werden im Rahmen einer sinnvollen Digitalen Bildung aber überhaupt nicht relevant. Denn es geht nicht darum, Wissen und Lernen zu ersetzen, sondern zielgerichtet mit den heutigen Möglichkeiten zu ergänzen.

Die aktuelle Herausforderung besteht darin, pädagogische Handlungskonzepte und didaktische Umsetzungen zu erarbeiten und nicht die technischen Hilfsmittel an sich zu hinterfragen. Zu diesem Ergebnis kommt Prof. Dr. Bardo Herzig von der Fakultät für Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn in einer Untersuchung für die Bertelsmann Stiftung. Medieneinsatz sei immer kontextabhängig. Es gäbe keine Pauschalantwort darauf, ob Schulbuch oder Tablet im Unterricht besser ist – das individuelle Lehrszenario sei entscheidend.

Vielleicht sollte auch die Forderung nach Programmierkenntnissen in diese Richtung gehen. Solange sie in den Kontext passen und den Schülern einen Mehrwert geben.

Titelfoto: (c) seb_ra/iStock

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