Visionäres Denken – typisch männlich?

In puncto Visionen haben Frauen Nachholbedarf, sagt eine Studie von Insead, bei der über mehrere Jahre Daten eines 360-Grad Assessments von 2.816 Führungskräften aus 149 Ländern ausgewertet wurden.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Das sagte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt – und selten hat er sich so geirrt. Visionen sind ein mächtiges Instrument. Nicht nur, um der Zukunft eine Richtung zu geben, sondern auch, um als Führungskraft zu überzeugen und bis in die obersten Etagen vorzustoßen. Und genau hier haben Frauen offenbar das Nachsehen.

Ausgangspunkt der Insead-Studie, die im Harvard OnPoint, Winter 2010, Women and the Vision Thing (S. 98-106) veröffentlicht wurde, war die Frage, ob Frauen aufgrund karrierehemmender Geschlechterstereotype bei Führungskompetenzen schlechter abschneiden als Männer. Diese Frage konnte nach Auswertung Tausender Fragebögen und Assessment-Ergebnisse eindeutig verneint werden.

Verglichen wurden führungsrelevante Kernkompetenzen, wie:

  • Strategische Ausrichtung:
  • Emotionale Intelligenz
  • Empowerment
  • Belohnung, Feedback und Motivation
  • Teambildung
  • Globale Denkweise
  • Beharrlichkeit
  • Visionäres Denken

Frauen schnitten in allen abgefragten Kompetenzbereichen deutlich besser ab als Männer, außer in einem: dem visionären Denken. Ausgerechnet diese Kernkompetenz ist jedoch elementar. Wer als Führungskraft langfristig und nachhaltig Erfolg haben und über das mittlere Management hinaus die Karriereleiter erklimmen will, braucht eine gehörige Portion Visionskraft.

Vor allem in veränderungsreichen Zeiten, wie wir sie gerade erleben, befriedigen emotionale Visionen das Zukunftsbedürfnis der Menschen. Befriedigte Zukunftsbedürfnisse helfen Menschen, Veränderungen stressfreier zu gestalten und leistungsfähiger zu bewältigen.

Frauen gestalten die Zukunft genauso wie Männer, aber sie gehen anders dabei vor.

Und je ungewisser die Zukunft ist, je weniger planbar Entwicklungen und Trends sind, umso wichtiger wird die visionäre Richtung, in die Menschen und Unternehmen sich bewegen wollen. Ohne Vision fehlt die Motivation, eine Reise ins Ungewisse anzutreten.

Frauen schnitten in fast allen Kompetenzbereichen deutlich besser ab als Männer.

Daher ist die Fähigkeit des visionären Denkens für Führungskräfte eine der elementarsten Kernkompetenzen. Umso schwerer wiegt es offensichtlich, dass Männer Frauen in dieser Kernkompetenz überflügeln. Um herauszufinden, warum Frauen an genau diesem Punkt so schlecht abschneiden, haben die Insead-Professorin Herminia Ibarra und ihre Kollegin, Otilia Obodaru, weibliche Führungskräfte interviewt und die Auswertungsdaten der Assessments studiert.

Daraus haben sie drei mögliche Erklärungen abgeleitet:

  1. Frauen sind visionär – aber anders als Männer
    Frauen gestalten die Zukunft genauso wie Männer, aber sie gehen anders dabei vor, indem sie die Mitarbeitenden einbeziehen und visionäre Gedanken nicht als ihre eigenen verkaufen, sondern als Teamergebnis.
  2. Frauen zögern, sich zu exponieren
    Visionen basieren auf Mutmaßungen, Interpretationen und einer gehörigen Portion Intuition, sowie Selbst- und Zukunftsvertrauen. Besonders Frauen, die in klassischen Männerdomänen arbeiten, fühlen sich oft sicherer, wenn sie daten- und faktenbasiert kommunizieren, weil sie glauben, dadurch weniger angreifbar zu sein. Sie verlassen sich weniger auf ihre Vorstellungskraft und Kreativität, sondern mehr auf sichere Ergebnisse und handfeste Daten.
  3. Frauen messen Visionen nicht viel Bedeutung bei
    Um Visionen verkaufen zu können, sind oft eine gewisse Selbstdarstellung und Inszenierung notwendig, um die Menschen zu begeistern. Die Interviews zeigten, dass Frauen stolz waren auf ihre anpackende Art, Alltagsprobleme zu lösen, ihre Gründlichkeit und Geradlinigkeit. Sie schätzten bei sich selbst und anderen eher Hemdsärmeligkeit anstelle von Selbstdarstellung.

Die gute Nachricht ist, dass jede Führungskompetenz erlernt werden kann und nicht angeboren ist. Und auf die Frage, was genau es heißt, visionär zu denken, geben die Autorinnen der Studie ebenfalls eine Antwort und empfehlen diese drei Schritte:

  1. Bewusstsein für Chancen und Risiken entwickeln
    1. Vereinfachung komplexer Situationen
    2. Vorhersagen von Ereignissen, die das Unternehmen oder die eigene Abteilung beeinflussen können
  2. Strategische Richtung festlegen
    1. Schnelle Besetzung von zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern
    2. Entscheidungen im Kleinen treffen, ohne den Blick für das große Ganze zu verlieren
  3. Inspirieren
    1. Den Status quo regelmäßig in Frage stellen
    2. Offenheit für Neues
    3. Andere inspirieren und ihnen zu helfen, Grenzen zu überschreiten

Über die Autorin

Melanie Vogel

Melanie Vogel ist seit fast 20 Jahren erfolgreiche Unternehmerin und bloggt regelmäßig über persönliche und unternehmerische Zukunftsfähigkeit. Ihr Buch „Futability®“ (ISBN: 978-3-946302-00-1) wurde im Oktober 2016 mit dem NiBB-Innovationspreis ausgezeichnet. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ erschien am 14. Februar 2017 (ISBN 978-3-946302-10-0). Außerdem veranstaltet sie seit sieben Jahren auch die women&work, Europas größten Messe-Kongress für Frauen. Weitere Infos unter www.womenandwork.de

Titelfoto: © shutterstock/ra2studio
Artikelfoto: © shutterstock/elwynn
Porträt:  © Melanie Vogel

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