Lernende Maschinen: Die nächste Stufe des E-Government?

Autonome Verwaltungssysteme sollen den bürokratischen Alltag der Bürger erleichtern. Sie machen den Weg zum Amt obsolet und stellen Anträge noch bevor wir selbst daran denken. Das Besondere an ihnen: Sie lernen wie Menschen. Doch die Technologie hat auch ihre Schattenseiten.

Langsam, aber sicher. Was zunächst nach einer leeren Phrase klingt, trifft auf die Digitalisierung des deutschen Verwaltungssystems gut zu. Das E-Government wird realisiert, auch wenn es hierzulande länger dauert. Heute kommen im Schnitt lediglich zwei Online-Dienste auf eine Kommune, wie aus einem White Paper des Nationalen Normenkontrollrats hervorgeht. Ein schlechter Wert im europäischen Vergleich.

Dabei handelt es sich um regelbasierte Systeme. Bürger können beispielsweise Führungszeugnisse beantragen oder Bauanträge einreichen. Sie müssen dazu nur die geforderten Daten bereitstellen. Man könnte sozusagen von einer ersten Generation von Online-Services sprechen. Doch schon jetzt ist der nächste technologische Schritt in Sicht. Er wird die Bürokratie grundlegend verändern.

Bürokratie ade?

Die Rede ist von autonomen Verwaltungssystemen. Sie sollen auch komplexe bürokratische Belange der Bürger bearbeiten – in Echtzeit und ganz ohne Zutun von Beamten. Mehr noch: Proaktiv sollen sie Anträge für Bürger stellen und abwickeln. Damit würden wir nicht nur den Weg zum Amt sparen (wie in der ersten Generation), sondern auch das Ausfüllen von Eingabemasken. Außerdem würden notwendige Dokumente bearbeitet, ohne dass wir daran denken müssen, denn das tut bereits die Maschine.

Ein Student wüsste schon zeitnah nach der Einschreibung, ob und wie viel BAföG ihm zusteht. Denn durch die Immatrikulation erledigt das System alle weiteren bürokratischen Schritte von allein. Die Einkommenssituation der Eltern und die Wohnsituation des Studenten liegen bereits vor, die Maschine muss sie lediglich auswerten. Stehen dem Studenten Zuschüsse vom Staat zu, bekommt er den entsprechenden Betrag automatisch überwiesen. Auf ähnliche Weise würde Bürokratie entfallen, die etwa mit Hausbau, Eheschließung oder Geburt einhergeht. All diese Szenarien setzen natürlich voraus, dass dem IT-System alle nötigen Informationen zur Verfügung stehen. Genau das ist derzeit noch eine enorme Hürde, werden die Daten doch in der Regel dezentral erfasst und in nicht integrierten Datenbanken vorgehalten.

Lernfähige Technologie

Möglich wird die autonome Verwaltung durch künstliche neuronale Netze. Ähnlich einem menschlichen Gehirn lernt die Software und kann so adäquat auf Situationen reagieren, die die Entwickler nicht vorhergesehen haben. Ein bedeutender Unterschied zu regelbasierten Systemen, die speziell für ihre Anforderungen programmiert sind und nur diese erfüllen können. Nur wenn die vom Bürger eingegebenen Daten korrekt sind, bearbeitet das regelbasierte System den Auftrag. Deshalb spricht man auch von „Wenn-Dann“-Regelungen.

Eine mit neuronalen Netzen ausgestattete Maschine hingegen wird trainiert, nicht programmiert. Wie ein Kind lernt das System einen Einzelfall einzuordnen, zu bewerten und korrekt damit umzugehen. Der Vorteil für die Verwaltung: Ein solches System ist in der Lage, Fälle zu bearbeiten, für die Ermessenspielräume gesetzlich verankert sind. Durch die Fähigkeit aus Erfahrung zu lernen, kann es jeden Einzelfall akkurat interpretieren und individuell bewerten – so die Theorie.

Eine Sache des Vertrauens

Allerdings hat die Technologie auch ihre Kehrseiten. Das fängt bereits beim Trainingsdatensatz an. Dessen Umfang und Qualität ist entscheidend dafür, wie die Maschine später bewertet. Zudem geht die Transparenz der Behörde verloren. Neuronale Netze sind selbst für die Entwickler eine Art Black Box. Optimieren sie sich selbst und treffen sie eine ungewöhnliche Entscheidung, wäre nicht nachvollziehbar, was dafür ausschlaggebend war. „Die konkrete Arbeitsweise [neuronaler Netze] bleibt undurchschaubar“, so das Kompetenzzentrum Öffentliche IT in diesem Zusammenhang. Das macht die Technologie heute auch noch ungeeignet für den Einsatz in kritischen Infrastrukturen.

Außerdem ist nicht abschätzbar wie Bürger reagieren, deren Anträge nicht den gewünschten Ausgang nehmen. Kann ein Betroffener akzeptieren, dass eine Maschine den Bauantrag abgelehnt hat? Noch wichtiger dürfte das Thema Datenschutz werden. Damit die lernenden Systeme funktionieren, müssen sie auf eine Vielzahl an persönlichen Daten zugreifen können. Das kann Unsicherheiten und Ängste schüren: Wird die Sorge vor dem gläsernen Bürger, dessen Daten missbraucht werden, überwiegen? Oder werden die Menschen in erster Linie die Vorzüge sehen – wie der heutige sorglose Umgang mit sozialen Netzwerken nahelegt?

Diese Frage ist eine für die Zukunft. Denn noch ist das deutsche Verwaltungssystem weit davon entfernt, neuronale Netze einzusetzen. Schließlich bemüht sich die Politik noch, regelbasierte Systeme flächendeckend zu implementieren. Auf lange Sicht könnten autonome Verwaltungsverfahren trotzdem zum Alltag gehören – genauso wie autonome Verkehrsmittel. Denn die Technologie ist bereits vorhanden.

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Titelbild: © guirong hao/iStock