Krisenmanagement 2.0: Ein neues Netzwerk entsteht

Der Wirbelsturm Idai, Krieg in Syrien oder Unruhen in Venezuela: Krisen- und Konfliktsituationen gibt es weltweit, immer wieder. Um deutschen Staatsangehörigen im Ausland zukünftig besser helfen zu können, soll ein modernes, ressortübergreifendes Informationssystem zur Krisenvorsorge entstehen. Die BWI arbeitet an dessen Neuentwicklung mit.

Albanien im März 1997: Der „Lotterieaufstand“ eskaliert, die staatliche Ordnung bricht zusammen. „Alle fürchten sich vor der Gesetzeslosigkeit, vor einer Situation, […] in der jeder von jedem grundlos überfallen, niedergeschlagen oder erschossen werden kann“, beschreibt die Beraterin des Ministerpräsidenten die vorherrschende Stimmung im Radio. Am 11. März fordert das Auswärtige Amt alle deutschen Staatsangehörigen auf, das Land unverzüglich zu verlassen. Doch drei Tage später schaffen es rund 20 Bundesbürger nicht mehr aus der Gefahrenzone. Die Bundeswehr entsendet eine Fregatte sowie fünf Hubschrauber und rettet die Zivilisten nach einem Feuergefecht aus Tirana.

Krisen fest im Blick

Die Bundesregierung treffen solche Krisen- und Konfliktszenarien, wie sie weltweit vorkommen können, nicht unvorbereitet. Denn wenn sie eintreten, muss es oft schnell gehen. Die Lagezentren der zuständigen Bundesressorts benötigen dann schnellstmöglich die sogenannten „Informationen der ersten Stunde“. Konflikte wie die Militäraktion in Albanien („Operation Libelle“) haben nachhaltig zu einer intensiveren Krisenvorsorge geführt. Vom Bundeskanzleramt und Innenministerium, über das Auswärtige Amt und Verteidigungsministerium bis hin zum Bundesnachrichtendienst haben die Ressorts unterschiedliche Prozesse etabliert, um relevante Daten zu ermitteln. Dadurch kann die Regierung auf Gefahren angemessen reagieren. So stützt sich etwa das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unter anderem auf die Ergebnisse des German Institute for Global and Area Studies, das jährlich verschiedene Nationen auf ihr Konflikt- und Krisenpotential untersucht und an das Ministerium weiterleitet. Das Auswärtige Amt hingegen hat 2015 zwei Referate geschaffen, die sich um die strategische Vorausschau sowie die Krisenfrüherkennung kümmern.

Auch die Bundeswehr leistet im Rahmen des Nationalen Risiko- und Krisenmanagements zum Schutz deutscher Staatsangehöriger im Ausland (NatRKM) einen wesentlichen Beitrag. Dabei werden in einem ressortübergreifenden Ansatz krisenrelevante Daten erhoben, präventive Krisenvorsorgeberatung geleistet und einsatzbereite Kräfte vorgehalten.

Vernetzt zu mehr Sicherheit

Es stehen also eine ganze Reihe leistungsstarker Einzelmaßnahmen zur Krisenfrüherkennung, -vorsorge und -reaktion in den einzelnen Ressorts zur Verfügung. Dennoch arbeiten die Bereiche weitestgehend isoliert. Genau das soll sich mit dem Krisenvorsorgeinformationssystem Bund (KVInfoSysBund) ändern. Es soll neben anderem weltweit und zu jeder Zeit Kommunikationswerkzeuge bereitstellen, mit denen die Mitarbeiter im nationalen Risiko- und Krisenmanagement ihre Maßnahmen besser vorbereiten, planen, durchführen und nachbereiten können, unter anderem mithilfe moderner Collaboration Tools. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei die benutzer- und situationsspezifische Darstellung sowie Filterung aller verfügbaren Informationen, die in dem neu geschaffenen ressortübergreifenden Informationsraum bereitgestellt werden.

„Das neue KVInfoSysBund wird eine Zusammenarbeit aller beteiligten Bundesressorts in einer neuen Dimension ermöglichen und einen nachhaltigen, effektiven und gemeinsamen Informationsraum für die Bundesregierung schaffen.“

Kapitänleutnant Marco Hellgrewe, bevollmächtigte Vertreter und Nutzervertreter aller Bundesressorts für das KVInfoSysBund

Beispielgebendes, ressortübergreifendes Digitalisierungsprojekt

Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr als Initiator des Rüstungsvorhabens vertritt im ministeriellen Auftrag die Interessen aller beteiligten Bundesressorts und forciert den Aufbau des KVInfoSysBund, das als beispielgebendes, ressortübergreifendes Digitalisierungsprojekt gilt. Die BWI arbeitet an dem Lösungsvorschlag, der neben Grob- und Feinkonzept eine Designstudie beinhaltet. Um alle Fähigkeiten, Prozesse, Technologien und Infrastrukturen zu implementieren, arbeitet sie dafür eng mit dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr und den beteiligten Bundesressorts zusammen.

Erste Meilensteine sind erreicht

Im November vergangenen und Juni diesen Jahres wurde das Projekt innerhalb des „Leitungsboards Digitalisierung“ im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) vorgestellt. Das Gremium tagt halbjährlich. Seine Aufgabe ist es, die Digitalisierung im BMVg und der Bundeswehr zu steuern und zu begleiten. Mit dabei war auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. „Neben einem ausgesprochen positiven Feedback wurde das Projektteam für einen Nachfolgetermin bei der Ministerin eingeladen. Wir können das Thema also weiter auf oberster Ebene vorantreiben“, so Marco Metzlaff, Projektverantwortlicher und Leiter Consulting bei der BWI.

Bis Ende letzten Jahres arbeitete die BWI am Grobkonzept für das Informationssystem. Teil dessen ist eine Designstudie, mit der erste Funktionalitäten demonstriert werden können. Sie wurde Mitte Februar den beteiligten Ressorts, Bundesbehörden und deren nachgeordneten Bereichen in einer dreitägigen Infoveranstaltung vorgestellt. Die Resonanz war gut.

Die Erwartungen sind hoch

Das fertige System soll gewonnene Daten bündeln, deren Qualität verbessern und rund um die Uhr aktualisieren. Es soll weltweit alle deutschen Auslandsvertretungen anbinden und mobil und jederzeit verfügbar sein. Durch die konsolidierten Informationen soll ein gemeinsames Lagebild aller Ressorts entstehen, das eine schnelle und flexible Krisenbewältigung ermöglicht. Neben Verfügbarkeit und den Anforderungen der beteiligten Behörden steht der Schutzbedarf von Daten bei der Entwicklung im Fokus. Dafür wurde ein ressortübergreifendes Datenmanagementkonzept entwickelt. Ein Novum und Vorbild für alle künftigen Projekte dieser Art.

Die konzeptionellen Grundlagen stehen und mittlerweile arbeitet das Projektteam am Feinkonzept für das System. Parallel bringt das Einsatzführungskommando der Bundeswehr Studien auf den Weg, um einsetzbare Komponenten zu testen und sofern möglich erste funktionale Bestandteile zu erstellen. Spätestens ab 2020 soll mit der Realisierung des KVInfoSysBund begonnen werden.

Folgen Sie uns auf Facebook und​ Twitter und​ Sie bleiben immer up to date über die wichtigsten Entwicklungen im E-Government und der IT des Bundes.

Titelfoto: © BWI

Das könnte Sie auch interessieren: