IT-Sicherheit im Straßenverkehr: Vertrauen Sie Ihrem Auto?

Connected Cars tauschen Informationen mit Verkehrssystemen und untereinander aus – und werden zunehmend autonomer. Zuverlässigkeit der Systeme hat hier oberstes Gebot. Ohne konsequente IT-Sicherheit können die Fahrzeuge ein leichtes Ziel für Angriffe sein. Mit verheerenden Folgen für Fahrer und Verkehrsteilnehmer.

Die linke Spur ist frei. Mit 130 km/h rast das Fahrzeug über die Autobahn. Plötzlich wird es ungewöhnlich warm im Innenraum – und die Soundanlage spielt verrückt. Ohne Vorwarnung geht das Spritzwasser an und blockiert die Sicht. Schließlich passiert überhaupt nichts mehr: Das Auto bleibt mitten auf der Autobahn stehen.

Was nach einem Fall für den ADAC klingt, erfordert hier vielmehr einen IT-Spezialisten. Das Auto wurde nämlich gehackt und fremdgesteuert, aus vielen Kilometern Entfernung. Ein solches Szenario hat 2015 den Autobauer Fiat Chrysler dazu veranlasst, mehr als eine Million Fahrzeuge aufgrund einer Sicherheitslücke zurückzurufen. Damals ging es um einen kontrollierten Angriff eines IT-Forschers, der demonstrieren wollte, dass man sich nur mit Laptop bewaffnet Zugriff auf Autos verschaffen kann.

Connected Car Services ermöglichen es Fahrzeugen, per Internetverbindung mit der Außenwelt zu kommunizieren. Dabei geht es neben Steuerfunktionen im Bordcomputer auch um Verkehrsinformationen, Wartungsupdates und autonome Fahrassistenten. Der Markt boomt, denn Konnektivität und autonomes Fahren beeinflussen zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller sowie die Kaufentscheidung der Konsumenten.

Wenn Autos interagieren

Nicht nur wir Menschen kommunizieren kontinuierlich über digitale Geräte miteinander, auch bei modernen Autos gehört Vernetzung mehr und mehr zur Grundausstattung. Wie so oft verhält sich auch diese Entwicklung janusköpfig, denn neue technologische Möglichkeiten stellen stets neue Anforderungen an die digitale Sicherheit. Jede Entwicklung birgt unbekannte Angriffsmöglichkeiten, die schwerwiegende Folgen für den Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer haben können. Die Sicherheit im Auto beschränkt sich nicht mehr nur auf Schutzmaßnahmen bei Unfällen, sondern wird zunehmend um IT-Sicherheitslösungen erweitert.

Hinzu kommt, dass die vernetzten Fahrzeuge untereinander und mit der gesamten Verkehrsinfrastruktur kommunizieren. Mit Hilfe dieser Daten lassen sich Ampelphasen in der Smart City optimieren oder die Routenführung und Geschwindigkeit individuell anpassen – entweder klassisch über Verkehrsleitsysteme oder direkt per Fernzugriff auf die autonome Fahrzeugsteuerung. Diese technischen Möglichkeiten sollen das Fahren sicherer und die Infrastruktur effizienter machen. Das vernetzte Zusammenspiel aus Fahrzeugen, Software-Anwendungen und Verkehrssystemen eröffnet jedoch gleichzeitig ein enormes Angriffspotenzial.

Vom Problem zur Lösung

Einsatzfahrzeuge von Polizei und Rettungskräften können in einer intelligenten Infrastruktur beispielsweise dem Netzwerk mitteilen, wo sie gerade unterwegs sind. Sie erhalten dann automatisch Grünphasen zugeschaltet, autonome Fahrzeuge räumen die Spur, würden notfalls in einen Stau geleitet. Angreifer könnten sich genauso gut aber auch selbst als Rettungskraft ausgeben und damit gar zur Gefahr für die echten Helfer werden.

Um jeden Fahrzeuglenker manipulationssicher korrekt zu identifizieren, tüfteln die Hersteller bereits an zahlreichen Lösungen zur Verschlüsselung und sicheren Datenübertragung. Die größte Herausforderung ist dabei die Geschwindigkeit: Das intelligente Verkehrsnetz funktioniert schließlich nur, wenn Daten in Echtzeit übertragen und ausgewertet werden. Edge Computing könnte eine Lösung des Problems sein. Eine weitere Möglichkeit, sensible Informationen sicher zu übertragen, bietet eine ganz neue Technologie: die Quantenkommunikation. Jedoch bereitet hier die Übertragung über größere Entfernungen noch Probleme.

Eine Frage der Zuständigkeit – und des Vertrauens

Neben den rein technischen Herausforderungen geht es bei der IT-Sicherheit in der Verkehrsinfrastruktur aber vor allem um die Zuständigkeit. Wer sollte – oder muss – verantwortlich sein? Der Staat, die Stadtplaner, die Automobilhersteller?

Die Bundesregierung fordert in einem Forschungsrahmenprogramm zur IT-Sicherheit, dass alle beteiligten Partner kooperieren. Es gelte jetzt, gemeinsame Standards zu entwickeln, die eine sichere Kommunikation ermöglichen und dabei kein Unternehmen und keine Organisation benachteiligen dürfen. Zudem müsse man sich darauf verlassen können, dass jeder Kooperationspartner mit den ihm zur Verfügung gestellten Daten vertraulich umgeht. Dies gelinge nur über Transparenz und standardisierte Schnittstellen. Ob Statusinformationen zu Verschleißteilen oder Fahrzeug-Fehlerprofile: Viele der gesammelten Daten sind schließlich für Unternehmen, Stadtplaner und Fahrer unterschiedlich nützlich. Und viele von ihnen gehören zu den Grundvoraussetzungen für eine intelligente Verkehrsinfrastruktur – darunter etwa Standortdaten, Geschwindigkeiten und

„Sicherheit der Daten: Um hierfür übergreifend Leitsätze und Verhaltensregeln für alle möglichen potenziellen Gefahrensituationen zu erarbeiten, bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft.“

Prof. Dr. Thomas Form, Leiter Konzernforschung Elektronik und Fahrzeug, Volkswagen AG

Datenschutz auch beim Autokauf wichtig

Tatsächlich dürfte Transparenz auch aus einem anderen Grund entscheidend werden: Laut einer Deloitte-Studie zur Fahrzeugdigitalisierung ist die wichtigste Voraussetzung für die Akzeptanz von Connected Cars nämlich ein zuverlässiger Datenschutz: 64 Prozent der Befragten würden eine Kaufentscheidung davon abhängig machen, dass ihre Daten verlässlich geschützt und vertraulich behandelt werden. Kein Wunder, ließen sich doch beispielsweise detaillierte Bewegungsprofile aus den gesendeten und empfangenen Daten ableiten. Die Mehrheit der Befragten ist übrigens der Meinung, die Autohersteller seien für das Thema Datenschutz zuständig; 31 Prozent sehen die Pflicht bei der Politik – die restlichen 18 Prozent beim Kunden selbst.

Letztlich müssen alle Beteiligten gemeinsam gewährleisten, dass die neuen Technologien auch wirklich einer erhöhten Sicherheit im Straßenverkehr dienen und den Fahrern einen sicheren und verlässlichen Zusatznutzen bieten. Damit am Ende niemand auf der Strecke bleibt.

Titelbild: © nadla/iStock

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