Immersive Experience: Die (reale) Welt ist nicht genug

Computergenerierte Inhalte werden immer realistischer in unsere Wahrnehmung eingebettet. Sämtliche Lebensbereiche lassen sich dadurch virtuell erweitern. Welche Vorteile bringen die neuen Technologien für unseren Alltag, die Arbeit und Freizeit?

Wir tauchen ein in virtuelle Welten, erweitern unseren Horizont mit Augmented Content und vermischen die Realitäten mit immersiven Erfahrungen. Das Streben nach neuen Erlebnisräumen bringt immer neue Technologien auf den Markt, mit denen wir unsere Sinne erweitern und die rein physische Umgebung verlassen.

Eine Frage der Definition

Die industrielle Produktion, die Logistik, die Medizin, das Bildungswesen oder die Unterhaltungsbranche: Sie alle werden durch immersive Erfahrungen verändert. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Um das zu verstehen, werfen wir zunächst einen Blick auf die technischen Darstellungsformen:

  • Virtuelle Realität (VR): Am Computer wird eine dreidimensionale Umgebung generiert, in der sich der Nutzer teilweise oder vollkommen frei bewegen kann. Die Simulation erfolgt entweder auf Leinwänden, in speziellen Projektionsräumen oder durch eine Videobrille. Mit Hilfe von Datenhandschuhen oder anderen Eingabegeräten kann der Benutzer mit dieser Umgebung interagieren und erhält so den Eindruck, sich tatsächlich in ihr zu befinden. Das entscheidende Merkmal von VR: Die reale Welt wird „ausgesperrt“, der Benutzer taucht völlig in der virtuellen Umgebung ab. Gang und gäbe ist dieses Verfahren bereits bei Videospielen, wird aber auch in Filmen eingesetzt.
  • Augmented Reality (AR): Die reale Welt wird um digitale Inhalte erweitert. Datenbrillen oder Smartphones beispielsweise blenden Zusatzinformationen ins Sichtfeld des Anwenders ein. Oberklassefahrzeuge projizieren inzwischen Routeninformationen direkt auf die Windschutzscheibe. Möbelhaus-Kunden stellen sich die Wunschcouch vor dem Kauf schon einmal digital ins Wohnzimmer.
  • Mixed Reality (MR): Dieser Begriff wird oft synonym mit Augmented Reality verwendet. Der Unterschied liegt in der Interaktion. Beispiel: Eine simulierte Blumenvase „schwebt“ nicht irgendwo im Raum, sondern wird auf einem realen Tisch platziert. Verschiebt man den Tisch, bewegt sich die Vase mit. Die Vermischung von realer und simulierter Realität wird dadurch noch authentischer.

Der Begriff der Immersion bezeichnet, wie der Mensch die künstliche Welt wahrnimmt. Je echter sich die Simulation anfühlt, je mehr Sinne angesprochen werden, desto tiefer die Immersion. Unternehmen bieten sich damit ganz neue Möglichkeiten, ihren Kunden erinnerungswürdige Erlebnisse zu bieten.

Anwendungsfelder von Immersive Experience

Im Bereich der Computerspiele sind virtuelle Realitäten wohl am besten bekannt. Ein Massenphänomen der jüngeren Vergangenheit war das Sammelspiel Pokémon Go. Smartphone-Nutzer gingen mit der App auf Erkundungstour, um virtuelle „Haustiere“ in der echten Welt zu finden. Neben Consumer-Anwendungen bietet die Technologie auch anderen Sparten vielseitige Einsatzmöglichkeiten:

  • Einzelhandel: In virtuellen Showrooms können Kunden alle Waren betrachten und spezifische Konfigurationen ausprobieren. Wie wirkt das Traumauto mit hellen Ledersitzbezügen? Passt das Bett überhaupt ins Schlafzimmer? Welchen Weg muss ich im Baumarkt nehmen, um schnell die gewünschte Bohrmaschine zu finden? Das Smartphone kann all das virtuell darstellen. Zusätzliche, kostspielige Geräte sind unnötig.
  • Industrie und Logistik: Prototypen neuer Maschinen und Anlagen lassen sich im virtuellen Raum visualisieren und beispielsweise hinsichtlich Funktionsfähigkeit, Passgenauigkeit und Montage prüfen. Begehungen ganzer Lagerhallen sind bereits als VR-Simulation möglich, bevor auch nur der Grundstein gelegt wird. Instandhaltungstechniker bekommen Reparaturanweisungen in 3D per Datenbrille ins Sichtfeld eingeblendet.
  • Medizin: Neurochirurgen in den USA planen ihre Operationen inzwischen an virtuellen Gehirnmodellen, die zuvor aus CT- und MRT-Daten erschaffen werden. Das senkt das Risiko von Komplikationen. Auch die Telemedizin führt VR auf eine neue Stufe: Chirurgen steuern Operationsroboter per Datenbrille aus der Ferne, was vor allem in zeitkritischen Situationen Leben retten kann.
  • Ausbildung und Forschung: Frontalunterricht und Lehrbücher haben weiterhin ihre Berechtigung. Sie lassen sich aber ergänzen – beispielsweise um virtuelle Vorlesungen. Maschinenbauer können ihr Handwerk an teuren Anlagen erlernen, ohne dass diese tatsächlich angeschafft werden müssen. Allein Volkswagen will noch dieses Jahr 10.000 Mitarbeiter per VR schulen. Auch Biologen und Chemiker nutzen diese Technologie und manipulieren Moleküle und lernen so Zusammenhänge besser zu verstehen.

Die Liste lässt sich fast täglich um neue Entwicklungen ergänzen. Dennoch stellt sich die Frage, ob immersive Technologien ein kurzlebiger Hype oder dauerhafter Trend sind. Einen Anhaltspunkt liefert eine Studie von Splendid Research. Sie zeigt, dass die deutschen Bürger in hohem Maße bereit sind, zumindest AR im Alltag zu nutzen. 48 Prozent der Befragten haben Interesse an der Technologie. Von denen, die AR bereits genutzt haben, würden 89 Prozent die Technologie erneut verwenden. Das sind hohe Werte für eine vergleichsweise neue Entwicklung.

Und wer weiß: Vielleicht zieht die erweiterte Realität – so, wie die künstliche Intelligenz – in einigen Jahren ja auch in die Behörden ein. AR-Apps könnten im Bürgeramt den Weg zum Sachbearbeiter weisen, beim Ausfüllen von Formularen erklärende Hinweise einblenden. Oder Dinge tun, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

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Fotos: © LuckyStep48/iStock

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