Medizin von morgen: BWI digitalisiert Gesundheitsversorgung der Bundeswehr

In Deutschland gibt es immer mehr ältere und chronisch kranke Patienten. Medizinische Innovationen sind teurer denn je. Und wer auf dem Land lebt, hat es oft schwer, einen Facharzt zu finden. Digitalisierung kann dabei helfen, die Probleme im Gesundheitswesen zu lösen. Im zivilen Bereich gibt es dafür die E-Health-Initiative, im militärischen das Pilotprogramm zur Digitalisierung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.

Normalerweise kennt der Hausarzt die Krankengeschichte seiner Patienten. Doch was ist, wenn der Patient in eine andere Stadt umzieht? Oder nur der Spezialist weiterhelfen kann? Dann wäre es hilfreich, wenn alle Ärzte bundesweit die vollständige Krankenakte schnell und ortsunabhängig einsehen könnten – inklusive Laborwerten, Impfungen, Röntgenaufnahmen und Medikationsplänen. Die E-Health-Initiative des Bundesgesundheitsministeriums will genau das ermöglichen. Mit digitalen Technologien – wie etwa der elektronischen Patientenakte – und telemedizinischen Anwendungen zur Fernbetreuung treibt sie die Digitalisierung voran. Hierfür braucht es transparente Apps und vernetzte IT-Systeme im gesamten Gesundheitswesen. Ebenso müssen höchste Datenschutz- und Sicherheitsstandards erfüllt werden.

Health Innovation Hub treibt bundesweite Digitalmedizin voran

Damit innovative Digitaltechnologien schnell auf ihren Nutzen im medizinischen Umfeld überprüft werden können, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den „Health Innovation Hub – Gesundheit neu denken“ gegründet. Mit der neuen Einheit schlägt er eine Brücke zwischen Gesundheitspolitik und digitaler Szene. Das elfköpfige Gremium aus Healthcare-Experten berät das Ministerium unabhängig und soll das deutsche Gesundheitssystem zukunftsfähig machen. Am 11. April wurde der Hub in Berlin eröffnet. Als IT-Dienstleister des Bundes ist die BWI Träger des dreijährigen Projekts.

„Die zukünftige Medizin wird sich viel mehr an den wahren Bedürfnissen der Patienten orientieren. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass er im Zusammenspiel mit seinem wissenden Arzt an Erhalt und Wiederherstellung seiner Gesundheit aktiv beteiligt wird.“

Prof. Dr. med. Jörg Debatin, Leiter Health Innovation Hub

Auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr muss sich digital transformieren, um mit den rasanten Innovationszyklen fachlicher Entwicklungen im zivilen Bereich mithalten zu können. Denn er ist tief in das deutsche Gesundheitswesen integriert. In Bundeswehrkrankenhäusern werden neben Soldaten eben größtenteils Zivilpatienten behandelt.

Unentbehrlich hierfür ist eine moderne IT-Systemarchitektur. Sie muss mit den Technologien niedergelassener Ärzte kompatibel sein und enorme Datenmengen in unterschiedlichsten Formaten aggregieren, verarbeiten und nutzbar machen können. Denn die heutige Medizintechnik erfasst deutlich größere Datenvolumina als noch vor zehn Jahren. „Medical Big Data“ sind eine Herausforderung, bieten aber auch erhebliches Potenzial: Durch ihre Analyse – etwa per künstlicher Intelligenz – lassen sich beispielsweise präventive Maßnahmen unterstützen und neue Therapieansätze entwickeln. Doch wie gelingt die digitale Transformation im Sanitätsdienst?

Mission digital: Sanitätsdienst als Vorreiter

Das Fundament soll das Programm zur „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr“ (DigiGesVersBw) legen, das das Verteidigungsministerium Anfang 2018 gestartet hat. Das Pilotvorhaben stellt einen Paradigmenwechsel im Verteidigungsressort dar: weg von vielen IT-Einzellösungen, hin zu einer ganzheitlichen Architektur. Der Sanitätsdienst nimmt damit in der Bundeswehr eine Vorreiterrolle für die Digitalisierung ein.

„Die Gestaltung der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr ist die Herausforderung der Stunde.“

Generaloberstabsarzt Dr. med. Ulrich Baumgärtner, Inspekteur Sanitätsdienst der Bundeswehr

Eine Taskforce, die aus dem Bundesamt für Ausrüstung, Infrastruktur und Nutzung der Bundeswehr, dem Kommando Sanitätsdienst und der BWI besteht, setzt das Programm um. Innerhalb von nur drei Jahren soll einiges erreicht werden: Aufbauend auf einer detaillierten Erhebung und Modellierung der zugrundeliegenden Geschäftsprozesse und bestehenden IT-Systemlandschaft der Gesundheitsversorgung soll eine übergreifende, gesamtheitliche IT-Systemarchitektur erarbeitet werden. Sie wird als strategischer Ordnungsrahmen Andockpunkte auch für zukünftige IT-Projekte definieren.

Brücke zwischen militärischem und zivilem System

Die Chance: Das Programm DigiGesVersBw ermöglicht die Einbettung in die Digitalisierungsbemühungen im zivilen Gesundheitswesen. Eine effiziente, sichere und vernetzte Verwaltung aller Gesundheitsdaten spielt dabei eine wichtige Rolle, aber auch wegweisende Apps in den Krankenhäusern oder Check-in-Terminals für Patienten. Deshalb konzipieren die Verantwortlichen nun unter dem Motto „Architektur aus einem Guss“ eine gesamtheitliche IT-Architektur.

Eine einzigartige Aufgabe: So hat die Bundeswehr beispielsweise strikte Vorgaben im Hinblick auf ihre Informationsbedarfe und operativen Besonderheiten. Außerdem muss sie im multinationalen Umfeld die Vorgaben des NATO Architecture Framework (NAF) berücksichtigen. Hinzu kommen all jene Vorschriften, die auch im zivilen System gelten – etwa diagnoseabhängige Abrechnung, Qualitätssicherung und Zertifizierung.

Konzeptioneller Rahmen und erste Meilensteine

Zunächst hat die BWI mit den beteiligten Stellen alle IT-Einzellösungen und Prozesse im Sanitätsdienst erfasst, analysiert und bewertet. Das Ergebnis ist ein modellhafter Gesamtüberblick über das hochkomplexe System der bundeswehreigenen Gesundheitsversorgung. Darauf aufbauend wird bis 2020 eine auf den Sanitätsdienst zugeschnittene gesamtheitliche IT-Architektur entwickelt. Sie liefert auch den konzeptionellen Rahmen für die Digitalisierung weiterer Organisationsbereiche der Bundeswehr.

Parallel dazu treiben BWI und Bundeswehr wichtige Infrastrukturprojekte voran. Ein Beispiel ist „MedSAN“ (Medical Storage Area Network). Jedes MedSAN-System besteht aus einem Netzwerk für die Datenspeicherung und -übertragung sowie einer hochleistungsfähigen Serverfarm. Seit November 2018 ist im Bundeswehrkrankenhaus Berlin das erste MedSAN-System erfolgreich im Einsatz. Bis April folgte die Ausstattung der anderen Krankenhäuser sowie der Sanitätsakademie in München. Der Fernzugriff auf „Medical Big Data“ erfordert eine hohe Daten- und Ausfallsicherheit sowie schnelle Übertragungsgeschwindigkeiten. Die MedSAN-Lösung der BWI stellt das sicher und bildet das Herzstück der Sanitäts-IT.

Zentraler Datenpool und Schnittstelle zwischen IT-Systemen und Netzwerken wird das Informationsmanagementsystem HIMS (Health Information Management System). Es ist ebenfalls Bestandteil des Programms und gilt als weiteres Kernelement für die Digitalisierung der bundeswehreigenen Gesundheitsversorgung. Es bündelt und verarbeitet alle Gesundheitsdaten und gibt sie als übersichtliche Dokumentation aus, beispielsweise in Form der elektronischen Gesundheitsakte. Das System muss dabei nicht nur verlässliche Übergänge etwa zum zivilen Gesundheitswesen schaffen, sondern auch höchsten Sicherheits- und Datenschutzstandards genügen.

Wie geht es weiter?

Die Digitalisierung des bundeswehreigenen Gesundheitswesens ist ein Pilotprogramm mit weitreichenden Auswirkungen in der Zukunft. Ab 2021 wird die neue IT-Architektur in der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr implementiert. Dann wird es für Patienten keine Rolle mehr spielen, wo sie behandelt werden – sowohl Bundeswehrkrankenhäusern als auch zivilen Kliniken und Arztpraxen lägen die Gesundheitsdaten aller Patienten schließlich elektronisch vor.

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Titelfoto: © Nikada/iStock